Würzburg hören – Dialog Erinnerungskultur

Audioguideprojekt des P-Seminars Musik am Matthias-Grünewald-Gymnasium Würzburg

Projektlaufzeit: September 2017 bis Mai 2019

Was haben Bürgerinnen und Bürger der Stadt Würzburg zur Zeit des Nationalsozialismus erlebt? Wie sah das Notgefängnis in der Friesstraße aus? Was war die Aktion T4? Zwölf Schülerinnen und Schüler des P-Seminars „Würzburg hören“ haben sich mit diesem dunklen Kapitel der Würzburger Geschichte beschäftigt. Sie trafen Zeitzeugen, interviewten Experten und besuchten Orte, an denen unfassbare Dinge geschehen sind. Dabei sind sieben Hörstücke entstanden.

Modell: Zerstörtes Würzburg, Bild: Lena Strömer

Modell: Zerstörtes Würzburg, Bild: Lena Strömer

Warum dieses Thema? Das fasst Leonard Pauli, einer der Schüler, zusammen: „Erinnerungskultur ist wichtig – weil sie an die Opfer erinnert. Weil sie zum Nachdenken anregt. Weil sie zum Einmischen auffordert und weil sie hilft, gesellschaftliche Entwicklungen besser zu erkennen. Diese Überzeugung lag der Arbeit im Projekt-Seminar zu Grunde.“

Unterstützt von Johannes Wolf, Musiklehrer am Matthias-Grünewald-Gymnasium, und Mediencoach und BR-Hörfunkjournalist Jochen Wobser, sind sieben Audioguides entstanden, die sich mit Würzburgs Geschichte befassen. Beratung bekamen die Schülerinnen und Schüler zudem vom Stadtarchiv und vom Kulturamt der Stadt Würzburg. Sie arbeiteten zusammen mit dem Historiker Alexander Kraus (Leiter der Geschichtswerkstatt Würzburg), der Historikerin Dr. Rotraut Ries (Johanna Stahl Zentrum), dem Psychiater Prof. Dr. Martin Krupinski (Universität Würzburg), dem Künstler Markus Schmitt und dem Journalisten Roland Flade.

„Dabei haben wir viel über die Zeit des Nationalsozialismus erfahren. Darüber hinaus hat das Seminar für manchen auch den Blick auf Würzburg selbst verändert. Und wir haben Menschen erlebt, die sich für Dinge, die ihnen wichtig sind, einsetzen. Wie großartig das Engagement dieser Menschen ist, hat uns das Projekt-Seminar eindringlich gezeigt. Wir bedanken uns herzlich dafür.“ (Leonard Pauli)

Das P-Seminar bei der Übergabe der Flyer und QR-Tafeln in der Würzburger Stadtbibliothek / Foto: Manfred Ullrich

Das P-Seminar bei der Übergabe der Flyer und QR-Tafeln in der Würzburger Stadtbibliothek / Foto: Manfred Ullrich

Über Wochen fanden an den Wochenenden Seminare mit Mediencoach Jochen Wobser statt. Und dann war es soweit – die Seminarteilnehmer*innen kamen ins Studio des Bayerischen Rundfunks in der Nähe des Würzburger Hauptbahnhofs und produzierten dort ihre Hörstücke.

Musik von Norbert Glanzberg als Inspiration / Foto: Adrian Eitschberger

Musik von Norbert Glanzberg als Inspiration / Foto: Adrian Eitschberger

In allen sieben Audioguides spielt die selbst komponierte Musik der Schülerinnen und Schüler eine große Rolle: In Workshops mit Studierenden der Hochschule für Musik Würzburg wurden Neufassungen und Interpretationen der Werke des Komponisten Norbert Glanzberg erarbeitet. Neben der journalistischen Arbeit (Recherche, Interview, Reportage, Hörspiel, gebauter Beitrag, Schreiben fürs Hören) bildete die musikalische einen zweiten Pfeiler des P-Seminars. Die Musik verbindet die sieben entstandenen Audioguides und unterstützt die behutsame Herangehensweise an die Themen. Die Fokussierung auf einzelne Schicksale oder Orte bietet einen tiefen Einblick in die Geschichte.

Das P-Seminar „Würzburg hören“ hat an vielen Veranstaltungen mitgewirkt:

  • Zur Einweihung der umgestalteten „Gedenkstätte 16. März 1945“ führten die Teilnehmer*innen des P-Seminars im November 2017 bereits einige ihrer Neufassungen der Werke des Komponisten Norbert Glanzberg auf.
  • Bei der Landesgartenschau Würzburg im Mai 2018 präsentierten sie erste Ergebnisse ihrer Audioguides und spielten auf der BR-Showbühne ihre Neufassungen der Glanzberg-Werke.
  • Im Juni 2018 gestaltete das P-Seminar die Ausstellungseröffnung zum Projekt „Gestapo-Notgefängnis Friesstraße“ mit. Die Schülerin Yara Bader präsentierte ihren Entwurf für ein Denkmal.
  • Im November 2018 fand die Abschlusspräsentation im Zentrum Shalom Europa in Würzburg statt. Hier waren alle Audioguides und alle Neukompositionen zu hören.
  • Für ihre Audioguides wurden die Schüler*innen prämiert: Sie gehörten zu den 23 Vorrundensiegern des Abiturjahrgangs 2019 für den P-Seminar-Preis des Landes Bayern.
  • Im April 2019 verlegte die Stadt Würzburg Stolpersteine zum Gedenken an die Opfer des Notgefängnisses Friesstraße. Das P-Seminar übernahm die künstlerische und musikalische Gestaltung, gemeinsam mit Schüler*innen der Goethe-Mittelschule und der Franz-Oberthür-Schule.

Stolpersteine / Foto: frei

Stolpersteine / Foto: frei

Link-Tipps: Zeitungsartikel

Das Audioguide-Team

Projektklasse: P-Seminar des Matthias-Grünewald-Gymnasiums Würzburg

Betreuender Lehrer: Johannes Wolf

Mediencoach: Jochen Wobser

Projektleitung Stiftung Zuhören: Sonja Kunze

Die Hörstücke

Das Notgefängnis Friesstraße – grauenvolle Taten in direkter Nachbarschaft

Aufnahmen im Keller unter der Schule / Foto: Aurelia Moritz

Erst seit einigen Jahren ist bekannt, dass es im Würzburger Stadtteil Frauenland ein Notgefängnis der Gestapo gab. Heute stehen auf dem Gelände die Franz-Oberthür-Schule sowie das Matthias-Grünewald-Gymnasium.

Zu Beginn des Projekts waren wir hauptsächlich erschrocken darüber, dass ein solches Gefängnis überhaupt in Würzburg existierte. Als wir dann erfuhren, dass das Gefängnis sich auf dem Gelände unserer heutigen Schule befand, waren wir noch entsetzter, da dies ein Ort ist, an dem wir seit Jahren viel Zeit verbringen, aber nie von dessen Vergangenheit erfahren hatten. (Aurelia Moritz, Schülerin)

„Um die Beklommenheit der Häftlinge annähernd nachzuvollziehen, haben wir einige Aufnahmen im Keller unserer Schule gemacht. Die Enge, der Staub, die niedrigen Decken – ein verborgener Ort, den sonst kein Schüler betritt.“ (Tinka Arlt, Schülerin)

Auf mehreren Ebenen erzählt der Audioguide von Beklemmung und Angst, vom Unwissen der heutigen Bewohner, von den furchtbaren Haftbedingungen damals und zählt die Namen einiger Häftlinge auf – gegen das Vergessen.

Bahnhof Aumühle – Ort der Deportation

Am Bahnhof Aumühle wurde die jüdische Bevölkerung Würzburgs deportiert / Foto: Stadtarchiv Würzburg

„Ein breiter vernachlässigter Landschaftsstrich, der sich mitten durch Würzburg zieht. Am Rand laufen Gleise durch das kniehohe Gras. Nichts erinnert daran, was hier zur Zeit des Nationalsozialismus geschehen ist. Dieser verlassene Güterbahnhof besiegelte damals tausende unschuldige Leben, als von dort die Deportationszüge aus Unterfranken abfuhren.“ (Valentin Zenker, Schüler)

In den Jahren 1941-1944 wurden über 2000 Menschen jüdischen Glaubens vom Güterbahnhof Aumühle aus in die Konzentrationslager deportiert.

 „Das P-Seminar und insbesondere unser Arbeitskreis "Bahnhof Aumühle" hat mir gezeigt, wie wenig man doch eigentlich über seine Heimatstadt weiß. Vor unserem Projekt wussten wir nichts von der Deportation der Juden in Würzburg.“ (Robin Glücker, Schüler)

„Auch wenn man der heutigen Aumühle nichts mehr von ihrer schrecklichen Vergangenheit ansieht, so ist es umso wichtiger, dass sie nicht in Vergessenheit gerät. (Valentin Zenker, Schüler)

Ortrun Scheumann – ein weiter Blick in einer engen Welt

Ortrun Scheumann kam als 14-Jährige nach Würzburg / Foto: Ortrun Scheumann

Ortrun Scheumann kam als 14-Jährige nach Würzburg / Foto: Ortrun Scheumann

Wie ein Wesen von einem fremden Stern: Ortrun Koerber (heute Scheumann) hat die ersten 14 Jahre ihres Lebens ohne Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus verbracht. Dann kommt sie nach Deutschland und soll im Nazi-Getriebe „funktionieren“. Die freiheitlich denkende Jugendliche schreibt Tagebuch und verfasst Jahrzehnte später das Buch „Geliebte Feinde“. Die Lektüre des Buches regte die Schüler*innen des P-Seminars an, die Autorin zu interviewen – was mittels Telefonschalte mit der 94-Jährigen Dame auch gelingt. 

„Persönliche Erfahrungen so eindrucksvoll geschildert zu bekommen ist etwas Emotionales, etwas, das unter die Haut geht. Das vergisst man nicht so leicht, wie Sätze und Zahlen aus dem Geschichtsbuch. So etwas bleibt im Kopf.“ (Juli Heubeck, Schülerin)

„Wir wussten sofort: Es mussten sowohl Ausschnitte aus dem Interview, wie auch dem ursprünglichen Tagebuch in unseren Audioguide mit eingebaut werden. Eine Auswahl zu treffen war viel schwerer als gedacht – eigentlich fanden wir jeden Satz zu schade, um ihn unerwähnt zu lassen.“ (Juli Heubeck)

Linktipp:

https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/land-und-leute/ortrun-scheumann-von-japan-nach-wuerzburg-trebbin102.html

Valentine Leopold – mit meinen eigenen Augen

Valentine Leopold im Frühjahr 2019 / Foto: Fabian Gebert

Valentine Leopold im Frühjahr 2019 / Foto: Fabian Gebert

Es ist das bekannteste Datum für Würzburger zum Bombenkrieg: am 16. März 1945 wurde die Stadt bei einem Angriff nahezu vollständig zerstört. Die Augenzeugen der Bombardierung sind inzwischen hochbetagt – eine von ihnen, Valentine Leopold – damals 16 Jahre alt, stand für die Schüler*innen für ein Interview zur Verfügung.

„Valentine Leopold machte uns während des zweistündigen Interviews mehrmals sprachlos, indem sie uns mit bedrückenden, traumatischen, beängstigenden und teilweise auch humorvollen Erzählungen die emotionale Seite des Krieges zeigte. Die Arbeit mit einer Zeitzeugin, die zu dieser Zeit auch noch genauso alt war wie wir jetzt, hat uns erst klargemacht, welche emotionalen Auswirkungen der Krieg besonders auf Jugendliche wie Valentine Leopold hatte und hat unsere Sicht auf diese Zeit nachhaltig verändert.“ (Leandra Strömer, Schülerin)

„Wir haben uns bewusst dazu entschieden, auf jegliche Kommentierung des Audioguides von unserer Seite aus zu verzichten, sondern Valentine Leopold alleine ihre Geschichte erzählen zu lassen.“ (Leandra Strömer)

Rita Prigmore – Schicksal einer Sintezza unter der NS-Diktatur

Rita Prigmore / Foto: Courtesy of Rita Prigmore

Rita Prigmore / Foto: Courtesy of Rita Prigmore

Als Rita Prigmore zu einem Vortrag als Zeitzeugin an das Matthias-Grünewald-Gymnasium kam, war das der Auslöser, mehr über die Verfolgung der Sinti und Roma unter dem NS-Regime erfahren zu wollen. Rita Prigmore stammt aus Würzburg und wurde kurz nach ihrer Geburt Opfer „medizinischer“ Versuche, bei denen ihre Zwillingsschwester starb. Nicht nur die Verfolgung ihrer Familie, die gesundheitlichen Folgen der Versuche, sondern auch der langwierige Kampf um Anerkennung ihrer Leiden nach dem Krieg sind die Themen des Beitrags. Rita Prigmore setzt sich stark für die Aufklärungsarbeit an Schulen ein.

„Bei unserem Gespräch erfuhr ich so viel Bewegendes, dass es zu einer echten Herausforderung wurde, eine Auswahl für den Audioguide zu treffen.“ (Damian Dröge, Schüler)

Aktion T4 - Würzburger NS-Psychiater hauptverantwortlich für Krankenmorde

Patienten wurden mit Bussen zu Tötungsanstalten transportiert / Foto: Stadtarchiv Würzburg

Patienten wurden mit Bussen zu Tötungsanstalten transportiert / Foto: Stadtarchiv Würzburg

Im Nationalsozialismus wurden Hunderttausende psychisch kranke und behinderte Menschen ermordet. Sie galten dem NS-Regime als „lebensunwertes Leben“. Einer der Haupttäter der Aktion T4, der geplanten Ermordung psychisch kranker und behinderter Menschen, war der Psychiater Werner Heyde. Heyde war damals Direktor der Würzburger Universitäts-Nervenklinik und medizinischer Leiter der Aktion T4. Nach dem Krieg wurde er des hunderttausendfachen Mordes angeklagt, entzog sich seiner Verurteilung aber durch Selbstmord.

Erst vor wenigen Jahren hat die Universität Würzburg begonnen, die Krankenmorde in der NS-Zeit und die Rolle von Werner Heyde geschichtlich aufzuarbeiten.

„Die ungeheure Unmenschlichkeit der Aktion T4, die sich bei meiner Beschäftigung mit dem Thema deutlich gezeigt hat, kann man nicht begreifen. Mit meinem Audioguide möchte ich an die Opfer erinnern. Ich möchte aber auch für unsere heutigen Diskussionen, z.B. über Flüchtlinge, betonen, wie grundlegend die Schlussfolgerung der Mütter und Väter des Grundgesetzes aus dieser schlimmen Zeit ist: dass nämlich die Würde des Menschen unantastbar ist.“ (Leonard Pauli, Schüler)

Norbert Glanzberg – künstlerisch betrachtet

Musik von Norbert Glanzberg / Foto: Adrian Eitschberger

Musik von Norbert Glanzberg / Foto: Adrian Eitschberger

Dieser Audioguide ist ein künstlerischer Ansatz, die Musik Norbert Glanzberg mit modernen Produktionstechniken im Tonstudio zu verknüpfen. Und dabei an den jüdischen Komponisten zu erinnern, der seine Kindheit in Würzburg verbracht hat, bevor er vor dem NS-Regime fliehen musste.

„In seiner Suite Yiddish verarbeitete er seine vom Rassismus geprägte Vergangenheit. Und genau aus dieser Suite suchte ich mir „Rohmaterial“, um es neu, auf elektronische Art und Weise zu interpretieren.“ (Adrian Eitschberger)

In diesem Beitrag treffen zwei Komponisten virtuell aufeinander – eine Annäherung an die Musik von Norbert Glanzberg aus kompositorischer Sicht. Adrian Eitschberger lässt sich bei seiner Arbeit über die Schulter sehen.